Text von Hermann Serient (Wien, am 22.10. 2002)

 

Liebe Freunde!
 
„Die Konferenz“ und viele meiner anderen Bilder, passen nicht in die Welt des Phantastischen oder Kommunistischen Realismus, aber auch nicht ins Ladl der Wiener Schule. Ich habe ja schon seit den 60er Jahren, immer wieder versucht, mit meinen Bildern Widerstand gegen Weltzerstörertum zu leisten. In einer Zeit wo Umweltschutz und Umweltpolitik noch unbekannt war, entstanden Bilder wie: „Vegetationssucher, „Strahlenversichert“, auch Bilder aus dem Heanzenzyklus wie „Es kräht der Hahn nach ihm“ können dieses Engagement belegen. Vielleicht nicht immer leicht lesbar, das ist möglich. Aber eines meine lieben Freunde steht fest. Nachdem ich ja wie bekannt nur die reinsten Naturprodukte der Erdfarben und Öle für meine Bilderproduktion verwende, bin ich sicher ein engagierter Bio Maler. In Liebe, Serient
 

Hermann Serient - Illusionen der Realität

 

Die phantastischen Figuren und Szenerien, die uns Hermann Serient in seinen „Ikonen des 20.Jahrhudnerts“ vor Augen führt, wirken seltsam. Skurrile Wesen, mit dünnen Armen und verrenkten Gliedern, vollführen groteske Gesten, starre Figuren schreiten durch karge Landschaften und maskenhafte Gesichter blicken uns entgegen. Am Horizont erblickt man kahle Berge oder weite Landschaften, die von Schluchten durchfurcht werden. Über alldem schimmert ein giftiger Himmel. Ist die Erde Schauplatz des Geschehens oder irgendein ferner, leerer Planet?
So sehr der Künstler seine Darstellungen auch verfremdet, viele der Szenarien sind heute bereits Realität. Die Gegenwart hat Serients Visionen der Vergangenheit bereits überholt und so sind seine „Votivbilder an die Zukunft“, die er als Ermahnung und Warnung vor einer ökologischen und technologischen Katastrophe gemalt hat, tatsächlich schon zu jenen „Ikonen des 20.Jahrhunderts“ geworden, die Serient in seinen Bilderzyklen verarbeitet.
Bei all dem Ernst der Aussagen, die Serient in seinen Bildern trifft, ist es eine ungewöhnlich farbige Welt, die er zaubert. Er ködert seinen Betrachter wie ein Rattenfänger, fängt mit schönen Farben das Publikum, um dann bisweilen recht schaurige Geschichten zu erzählen. Doch will Serient nicht einfach nur schockieren. „Wenn die Leute gleich wegschauen, die Rollo hinunterlassen, haben meine Bilder keinen Sinn, ich muss sie fesseln, damit sie zu denken anfangen.“ So zeigt er nicht die erschreckende Brutalität, denn die, bleibt „durch den Einfluss der Massenmedien, die derartiges täglich bringen, ohnehin wirkungslos.“ In seiner Arbeit hat „die Farbe die Funktion übernommen, eine Verlockung des Beschauers zu sein. Und erst nach längerem Betrachten merkt er, dass hier nicht nur schöne Farben sind, er kommt dem Bildinhalt näher, demaskiert die Farbe und sich selbst!“
 
Roland Widder, Auszug aus: Kunsthandel Widder (Hg), Hermann Serient, mit Textbeiträgen von Günter Unger, Roland Widder, Hermann Serient, Wien 2001
 

Der Heanzen - Zyklus

 

Die einen nennen einfach alle deutschsprachigen Burgenländer Heanzen. Andere wieder unterscheiden zwischen den Hoadbauern des flachen Nordostens und den das buckelige Land zwischen Leitha und Raab bewohnenden Heanzen. Einschlägige Quellen lehren ferner, dass der Name der Heanzen vor einem guten halben Jahrhundert, als ihr Siedlungsraum noch zu Ungarn gehörte, beinahe offiziell geworden wäre. Einen Republik Heinzenland sollte damals den Anschluss an Österreich vorbereiten. Als dann der Name Burgenland aufkam, konnte die volkstümliche Bezeichnung für die Bewohner des Landstrichs wieder ungezwungen wie vordem verwendet werden. So haben heute noch etliche Dorfgemeinschaften in der Heanzerei ihren mehr oder weniger schmeichelhaften Vulgonmane. Und es gibt viele skurrile Geschichten darüber, warum die einen etwas Repetierheanzen, die anderen Kotzenheanzen heissen, warum die als Klarinett-, Pfluiradl- oder Schuisspriglheanzen, jene wieder als Heu-, Stroh- oder Murkenheanzen „geheanzelt“ werden.
 
Hermann Serient lebt unter den Baohn-Heanzen. Als er sich vor zehn Jahren im Südburgenländischen niederliss, begegnete ihm seine neue Umwelt in vielem als lebendig gewordenes Brueghel-Gemälde. Doch der anfängliche Eindruck hatte keinen Bestand. Zwar war da ein Dorfbild der vorindustriellen Epoche in der Tat noch halbwegs intakt, zwar lief das Leben der dörflichen Gemeinschaft tatsächlich noch in manchem nach althergebrachten Regeln ab, doch es funktionierte eben nur noch schlecht und recht. Was sich dem Künstler darbot, war eine von Tag zu Tag schneller schrumpfende, von der Zeit längst überholte Volkskultur, das Nachschlagen einer Kirchenglocke, an der nicht mehr gezogen wurde. Serient entdeckte aber auch die Werte, die verlorengingen. Er entschloss sich, auf seine Art zu ihrer Bewahrung beizutragen. So wurde der Heanzen-Zyklus.
 
An die achtzig Ölbilder sind bisher entstanden. Es sind, als Beiträge zur Bewahrung des Vergehenden betrachtet, volkskundliche Arbeiten. Aber Serient begnügte sich natürlich nicht mit der Rolle des wissenschaftlichen Realisten, er malt auch den Heanzen-Zyklus auf seine Weise. Und die Heanzen bringen ihm sein künstlerisches Mittel, die Groteske, auf halbem Weg entgegen. Denn vieles an ihnen erscheint grotesk. Was einst zur Erhaltung des Volkstums unter fremder Herrschaft Sinn und Zweck hatte, muss dem Bebachter heute anachronistisch vorkommen. Darüber hinaus stellt der Künstler vor allem in den Figuren eine Wirklichkeit dar, die auf uns nur deshalb grotesk wirkt, weil wir uns im Sehen zu sehr auf unsere Erfahrung verlassen.
 
Die Heanzen könnten sich bei flüchtiger Betrachtung in Serients Bilder „geheanzelt“ sehen. Wer immer aber die Bilder des Heanzen-Zyklus mit Muße aufnimmt, erkennt gewiss dass hier einer am Werk ist, der zu denen, die er darstellt, tiefe Zuneigung empfindet. Für den Maler Serient ist es ein ständiges Erlebnis, unter den Heanzen zu sein. Der Zyklus ist daher auch noch lange nicht abgeschlossen.
 
G.P. in: Amt der Burgenländischen Landesregierung (Hg.), Ausstellungskatalog Hermann Serient, Eisenstadt 1975

 

Votivbilder unserer Zeit

 

Der Maler Hermann Serient, Jahrgang 1935, ist ein Einzelgänger in der so mannigfaltigen österreichischen Kulturszene; sein Werk lässt sich schwer in eine bestimmte Stilrichtung oder Modeströmung einordnen und seine künstlerische und kunsthandwerkliche Mehrfachbegabung hat ihn auch zu den verschiedensten Tätigkeiten im Laufe seines Lebens gebracht (z.B. Goldschmied oder Jazzmusiker).

Als Maler und Grafiker war und ist immer der Mensch das Hauptthema seiner Bilder: der Mensch als Gestalter seiner Umwelt, erzählt in phantastischen und absurd wirkenden, grotesken Darstellungen; sie bedeuten Reflexion und Parodie auf die menschliche Existenz und auch auf die sich selbst zerstörende Menschheit.

Merkwürdige Fabelwesen, aus kantigen Formen gebildet und meist in expressiven, kräftigen Farben gehalten, bevölkern öde und tote Landschaften. Es sind skurrile Gestalten, die sich theatralisch und pathetisch bewegen und letztlich in ihrer Starrheit an antike Tragödien erinnern. Diese fremdartigen Figuren haben wenig Bezug zueinander, sie sind vereinsamt und scheinen in ihren Bewegungen eingefroren zu sein – oft sind ihre bis zur Hässlichkeit verzerrten Gesichter mit schaurigen Masken und Helmen verhüllt und ihre blicklosen Augen mit grossen Brillen verdeckt.
 
Sie entstammen einer fremden Welt und haben wenig Humanes an sich, obwohl sie in ihrer Übersteigerung wie Karikaturen menschlicher Wesen wirken – sie sind Metaphern menschlicher Existenzen, vielleicht auch unheilvolle Prophezeiungen für eine sich selbst vernichtende Menschheit.

In dem Bild der „Fischer“, zum Beispiel, wird uns bereits diese zerstörte Welt vergegenwärtigt und der aufgeblähte Fisch, als ein überbleibender Rest eines durch rücksichtslose Industrie veränderten Lebensraum, präsentiert. Der Fisch als Symbol des Lebens vergleichbar etwa mit dem vor einigen Jahren berühmten Pressefoto, das um die Welt ging: die ölverschmierte Möwe, die man aus dem durch die Ölpest versuchten Meer gezogen hatte. Der aus stahlblauen tönen „geschliffene“ und einen Zylinder tragende „Magiermeister“, der sich grinsend bereits von der rostroten, brennenden Weltenlandschaft abgewandt hat, könnte vielleicht der Verursacher dieser Katastrophe sein...

Hermann Serient beschäftigt sich schon seit einigen Jahrzehnten thematisch mit den Auswirkungen der Umweltzerstörungen – schon lange bevor Umweltschutz von der Allgemeinheit akzeptiert wurde.
 
Der Inhalt seiner, von ihm so bezeichneten „Votivbilder“ liegt hauptsächlich in der Darstellung einer durch eine naturferne Technik bedrohten Welt und der Schilderung der Schienheiligkeit – gepaart mit der Verantwortungslosigkeit - der Gesellschaft. In seiner ideologischen Weltsicht und der daraus resultierenden tiefen Skepsis und der pessimistischen Stimmung steht er der Gruppe der Surrealisten des 20. Jahrhunderts nahe und verwendet auch deren groteske Sprache und absurde, märchenhafte Metaphorik (z.B. „Signalblasen“). Gleichzeitig greift er aber auch auf die Werke alter Meister zurück, wie von Pieter Bruegel oder Hieronymus Bosch (z.B. im „Maskenzug“), indem er ihre skurril bizarre Symbolwelt und ihre mythisch geheimnisvollen Allegorien verwendet.

Mit diesen Künstlern verbindet ihn auch seine „altmeisterliche“ Technik, die einem aussergewöhnlich hohen Stand entspricht und ihm zu einer vollkommenen Freiheit der Farbgebung verhilft, wobei er die Malgründe und die Farben ausschliesslich selbst aus Erd- und Mineralstoffen herstellt; oft verwendet er auch selbst angefertigte, farblich abgestimmte Rahmen mit Applikationen von Metall und Halbedelsteinen. Seine ungewöhnlich starken und intensiven, kräftigen Farben beeindrucken und können in ihrer kontrastierenden Wirkung die inhaltliche Aussage der Bilder aufs höchste steigern.
Diese intensive Farbgebung hat vor allem in Japan grossen Anklang gefunden. Schon seit vielen Jahren wird Serient immer wieder zu Ausstellungen in Tokio eingeladen und vor kurzem illustrierte er auch ein kostbares, kleines japanisches Märchenbuch.

Dr. Maria Kramer, Wien 2005